UAAC-Webinarreihe zu ukrainischen Archiven: Zugang trotz Krieg

8. September 2026

Wie lässt sich in ukrainischen Archiven forschen, wenn eine Reise in die Ukraine schwierig oder unmöglich ist? Und was geschieht mit dem dokumentarischen Gedächtnis eines Landes, wenn die Archive selbst zu Zielen des Krieges werden?

Mit diesen Fragen startete am 28. August die erste Veranstaltung der neuen Webinarreihe >>Ukraine’s Archival Landscape: Remote Access and Research Opportunities. Mehr als 130 Teilnehmende aus der Ukraine und dem Ausland verfolgten die Auftaktveranstaltung.

In ihrem Eröffnungsvortrag gab Prof. Dr. Maryna Paliienko von der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität Kyjiw Einblick in das ukrainische Archivwesen – und machte deutlich, welche Dimensionen das dort bewahrte dokumentarische Erbe hat. Rund 100 Millionen Archivalieneinheiten aus der Zeit vom 12. Jahrhundert bis heute gehören zum Nationalen Archivfonds der Ukraine.

Zugleich zeigte Paliienko, wie tiefgreifend der russische Angriffskrieg die Arbeit der ukrainischen Archive verändert hat.

Archive unter Beschuss

Seit 2014 hat die Ukraine die Kontrolle über Millionen von Archivalien in den besetzten Gebieten verloren. Seit Beginn der russischen Vollinvasion wurden Archivgebäude und Magazine in acht Regionen durch Raketen-, Luft- und Drohnenangriffe beschädigt. Aus den Archiven in Cherson wurden während der russischen Besatzung rund 360.000 Akten entwendet. In Tschernihiw wurden im Februar 2022 mehr als 12.000 Akten des ehemaligen KGB zerstört.

Paliienko brachte es in ihrem Vortrag so auf den Punkt:

            „Archive sind weit mehr als Aufbewahrungsorte der Vergangenheit – sie sind Institutionen des Gedächtnisses.                     In Kriegszeiten ist ihr Schutz eine Frage der Identität und des Staates selbst.“

Gleichzeitig sichern ukrainische Archivarinnen und Archivare nicht nur bestehende Sammlungen. Sie dokumentieren den Krieg, während er stattfindet, sammeln neue Bestände in Form von Fotografien, Publikationen, Augenzeugenberichten, Kriegstagebüchern und anderen Zeugnissen. So entsteht eine Quellenbasis, die künftig für historische Forschung und Aufarbeitung, aber auch für die Dokumentation von Kriegsverbrechen und Fragen der Verantwortlichkeit von großer Bedeutung sein wird.

Digitalisierung schafft neue Zugänge

Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen der vergangenen Jahre ist das Tempo der Digitalisierung. Seit 2022 setzen die ukrainischen Archive ein großangelegtes Programm um, mit dem digitale Kopien erstellt, Archivinformationen langfristig gesichert und der Zugang zu den Beständen erweitert werden sollen. Mehr als 100 Millionen digitale Kopien wurden im Rahmen dieses Programms bereits erstellt. Allein 2025 entstanden fast 50 Millionen Scans.

Gerade für Forschende außerhalb der Ukraine eröffnet diese Entwicklung neue Möglichkeiten. Digitale Findmittel, bereits digitalisierte Bestände und das archivübergreifende Suchportal der Ukraine ermöglichen es zunehmend, Materialien ausfindig zu machen und teilweise direkt einzusehen, ohne dafür in die Ukraine reisen zu müssen. Das Portal umfasst derzeit Angaben zu mehr als 43.000 Beständen, über einer Million Akten und rund 17 Millionen Digitalisaten.

Genau hier setzt >>Ukraine’s Archival Landscape an.

Die siebenteilige Webinarreihe soll Forschenden einen möglichst praktischen Zugang zur ukrainischen Archivlandschaft vermitteln. Nach dem Eröffnungsvortrag stellen sich in den kommenden sechs Veranstaltungen einzelne ukrainische Zentralarchive vor. Ihre Direktorinnen und Direktoren zeigen, welche Bestände ihre Häuser bewahren, wie diese erschlossen sind und welche Materialien bereits aus der Ferne zugänglich sind. Ganz praktisch geht es auch darum, wie Forschende aus dem Ausland Dokumente finden, Kopien bestellen und mit den Archiven Kontakt aufnehmen können.

Moderiert wurde die Auftaktveranstaltung von Dr. Nataliia Zalietok. Grußworte sprachen Dr. Anatolii Khromov, Leiter des Staatlichen Archivdienstes der Ukraine, Dr. Johannes Nathan, Vorsitzender des Ukraine Art Aid Center, Dr. Susann Worschech vom KIU-Kompetenzverbund Interdisziplinäre Ukrainestudien sowie Prof. Dr. Robert Kindler von der Freien Universität Berlin.

Aufnahmen des Webinars stehen online zur Verfügung

Wer die Auftaktveranstaltung verpasst hat, kann sie in beiden Sprachen online ansehen:

>>Webinar auf Ukrainisch ansehen
>>Webinar auf Englisch ansehen

Ergänzend steht ein Handout zur ersten Veranstaltung zum Download bereit. Darin sind die wichtigsten im Vortrag vorgestellten digitalen Ressourcen gebündelt: das archivübergreifende Suchportal der Ukraine, digitale Angebote zentraler und regionaler Archive, Projekte zur Dokumentation des russischen Angriffskrieges sowie weitere Recherche- und Informationsangebote.

>>Handout zu Webinar 1 herunterladen (PDF, Englisch)
>>Präsentation zu Webinar 1 herunterladen (PDF, Englisch)

Und so geht es weiter:

Am 11. September: Das Wissenschaftlich-Technische Zentralarchiv

Im zweiten Webinar steht erstmals eines der ukrainischen Zentralarchive selbst im Mittelpunkt: das Wissenschaftlich-Technische Zentralarchiv der Ukraine.

Prof. Dr. Marat Balyshev, Leiter des Archivs, stellt dessen Bestände und Forschungsmöglichkeiten vor. Zu seinen eigenen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Archivheuristik und Archäographie sowie die Geschichte von Wissenschaft, Technik und Astronomie. Moderiert wird die Veranstaltung von Dr. Ewa Sułek, Kunsthistorikerin und Kuratorin, die unter anderem zu zeitgenössischer ukrainischer Kunst, Erinnerung, Vertreibung sowie postkolonialen und umweltbezogenen Fragestellungen forscht.

Webinar 2 · Wissenschaftlich-Technisches Zentralarchiv der Ukraine
11. September 2026 · 16:00 Uhr Kyjiw / 15:00 Uhr Berlin
Dauer: 90 Minuten · Zoom
Sprachen: Ukrainisch und Englisch mit Simultanübersetzung

>>Für Webinar 2 anmelden

Die Teilnahme an der gesamten Webinarreihe ist kostenlos und steht allen Interessierten offen.

Bildnachweis: Nadiia Rudenko

 


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